Tinnitus – wie Sie ihn erkennen und was Sie dagegen tun können


Wenn es im Ohr plötzlich fiept, surrt oder rauscht oder ein anderes lästiges Ohrengeräusch auftritt, kann es sich um einen Tinnitus handeln. Gemeinsam mit Prof. h.c. Dr. Johannes Schobel, beantworten wir die wichtigsten Fragen zum Thema und erklären, was betroffene Personen dagegen tun können.

Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Gesundheit und Leiter des Tinnituszentrums in St. Pölten
Tinnitus bezeichnet nichts anderes als Ohrengeräusche. Das kann ein Pfeifen sein, es kann im Ohr rauschen oder fiepen. Auch ein Klopfen im Ohr ist nicht untypisch. Ein Tinnitus kann sich also auf unterschiedlichste Art äußern. Manchmal werden die Geräusche nur in einem Ohr wahrgenommen, manches Mal sind beide Ohren betroffen. In den meisten Fällen sind Ohrengeräusche subjektiv, manchmal können aber auch andere Personen sie hören. Dann spricht man von einem objektiven Tinnitus.

Ärzt*innen unterscheiden nicht nur zwischen subjektiven und objektivem Tinnitus, sondern auch zwischen zwei weiteren Arten: Tinnitus kann akut oder chronisch sein. Von chronisch spricht man, wenn das Summen oder Brummen mehr als drei Monate anhält. Grundsätzlich gilt: Je früher man die Geräusche von Expert*innen abklären lässt, desto besser.

„Ein Hörtest ist bei jeder Art von Ohrengeräusch sinnvoll. Sehr häufig kommt man so auf einen Hörverlust drauf, der andernfalls unentdeckt bleibt, aber ein Grund für Tinnitus sein kann.“
Das Auftreten von Ohrengeräuschen kann unterschiedliche Ursachen haben. Bei einem subjektiven Tinnitus, den nur die Betroffenen selbst hören, werden Informationen beim Hören fehlerhaft verarbeitet. Der objektive Tinnitus geht hingegen immer mit physiologischen Veränderungen einher.
Ein Auslöser für subjektiven Tinnitus kann zum Beispiel Stress sein. Das Piepsen im Ohr ist dann ein Signal des Körpers: „Hallo, du hast zu viel um die Ohren, entspann dich mal.“ Lässt der Stress nach, hört meistens auch das Geräusch auf. Ähnlich ist es mit Lärm. Laute Musik, Maschinen oder ein Knall können die Sinneszellen im Ohr beeinträchtigen und schädigen.
„Ich glaube, das Phänomen, das plötzlich was im Ohr klingelt und nach 15, 20 Sekunden wieder aufhört oder dass es nach einem Besuch in einem sehr lauten Lokal ein paar Stunden nachklingt, kennen wir fast alle“, sagt Dr. Johannes Schobel. Tritt nach 24 Stunden allerdings noch immer keine Besserung ein, sollte man laut dem Experten unbedingt eine*n HNO-Ärzt*in aufsuchen.
Der Verlust des Hörvermögens im Alter ist die häufigste Ursache für Ohrgeräusche. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern nach und nach. Zuerst gehen dabei die höheren Frequenzen verloren. Man hört nicht mehr alles. Die Neurone im Hörzentrum des Gehirns, die von außen keine Signale mehr erhalten , entwickeln ein Eigenleben und lösen einen Tinnitus aus.
Dr. Schobel hat dafür einen sehr anschaulichen Vergleich: „Wenn man sich eine Schulklasse vorstellt, mit einem Lehrer, der vorne so leise spricht, dass die Kinder in den hintersten Reihen ihn nicht mehr gut verstehen, dann werden diese Kinder zu schwätzen beginnen, weil sie sich von dem, was vorne geschieht, abkoppeln“, erklärt er. „Das gleiche passiert in unserer Großhirnrinde mit jenen grauen Zellen, die für die hohen Töne zuständig sind und die keine Ansprache mehr von draußen haben.“ Sie beginnen zu schwätzen – das sind die dauerhaften Ohrengeräusche, die stören können.
Um herauszufinden, ob das die Ursache für den Tinnitus ist, braucht es einen Hörtest. 80 bis 90 Prozent der Tinnitus-Patient*innen hätten eine klinisch nachweisbare Hörminderung, so Dr. Schobel.

Subjektiver Tinnitus
Objektiver Tinnitus
Als Tinnitus bezeichnet man anhaltende Geräusche in einem oder beiden Ohren, die nicht mehr weggehen. Das kann zum Beispiel ein Pfeifen, Brummen oder Klopfen sein. In manchen Fällen treten sie gemeinsam mit anderen Beschwerden auf, darunter:
Verspannungen im Nackenbereich sowie der Kiefermuskulatur
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen einem akuten und einem chronischen Tinnitus. Bei einem akutem Tinnitus, dazu zählt alles unter drei Monaten, kann Kortison helfen. Laut Dr. Schobel ist es „das einzige Medikament, das wirklich validiert ist.“ Kortison wirkt entzündungshemmend und lässt Schwellungen abheilen. Das Hormon kann in Form von Tabletten eingenommen oder als Infusion verabreicht werden. In einigen Fällen wird es von Ärzt*innen auch direkt ins Mittelohr gespritzt.
Gegen einen chronischen Tinnitus gibt es leider keine Medikamente. Zwar können Ursachen wie Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Bluthochdruck behandelt werden, die Ohrengeräusche selbst verschwinden aber in der Regel nicht mehr. Trotzdem gibt es Hilfe: Personen, die von einem chronischem Tinnitus betroffen sind, können lernen, mit den Geräuschen umzugehen. Manchen gelingt das so gut, dass sie das Surren gar nicht mehr beachten. Sie überhören es einfach.

Bei Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren ist Lärmbelastung die häufigste Ursache für einen chronischen Tinnitus. Wer also in einer lauten Umgebung arbeitet oder gerne mal auf Live-Konzerte geht, sollte in einen individuell angepassten Gehörschutz investieren, um Tinnitus vorzubeugen. Damit man auch künftig nur das hört, was man hören will. Und lästige Ohrengeräusche gehören sicher nicht dazu.
„Nein“, sagt Dr. Schobel. „Hausmittel, die helfen, kenne ich nicht.“ Von Wundertropfen oder Geräten, die man im Internet findet und mit denen Tinnitus angeblich geheilt werden kann, solle man lieber die Finger lassen. Kortison, autogenes Training und Stressreduktion hingegen seien bewährte Methoden. Wer vor allem beim Einschlafen Probleme hat, dem empfiehlt der HNO-Facharzt ein „Acoustic Sheep.“ Ein Stirnband mit zwei kleinen eingebauten Lautsprechern, die für Ablenkung sorgen. Der Vorteil: Die*der Partner*in wird durch die Geräusche nicht gestört. Sie sind nur für die Person hörbar, die das Stirnband trägt.
„Die beste Unterstützung ist es, Partner*innen, Mutter oder Vater mit einem Tinnitus zu signalisieren, dass man für sie da ist, wenn sie einen brauchen oder einfach mal reden wollen“
Übertriebenes Nachfragen führe laut Dr. Schobel dazu, den Leidensdruck zu erhöhen – einfach weil der Fokus dann stets auf den Ohrengeräuschen liegt. Also lieber nicht zu oft von selbst thematisieren, aber unbedingt ab und zu danach erkundigen, wie es der Person geht.
Eine andere Art der Unterstützung für Familienmitglieder, die einen Tinnitus haben, sind übrigens Selbsthilfegruppen. Dr. Schobel: „In der Regel werden sie von einer Person geleitet, die auch betroffen ist und gelernt hat, mit den Geräuschen gut umzugehen.“ An Sitzungen teilzunehmen, kann für viele inspirierend sein und für Zuversicht und Hoffnung sorgen. Dr. Schobel empfiehlt, vor dem ersten Besuch mit der Leiterin oder dem Leiter zu sprechen, um herauszufinden, ob eine Selbsthilfegruppe für einen passt und ob es dort die passenden Ansprechpartner*innen für die eigene Situation gibt.

Laut Forschung leiden fast 15 % der Erwachsenen in Europa an Tinnitus
Bhatt, Ishan Sunilkumar et al. (2023). Identifying Health-Related Conditions Associated with Tinnitus in Young Adults. Audiology research vol. 13,4 546-562.

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